Reise vom 01. bis 11. Oktober 2015

von Lieselotte Künzel

Namaste. Als auf dem Anflug nach Kathmandu die Spitzen des Himalaya aus dem Wolkenmeer hervorkamen, überschlich mich doch ein eher bedrückendes Gefühl: Was mag uns erwarten in diesem gebeutelten Land? Die grosse Überraschung: Zunächst war alles wie immer. Auf dem Weg zum Hotel und im überwiegenden Teil von Kathmandu sind nur wenige Häuser eingestürzt, jedenfalls dort, wo wir bisher waren. Stattdessen gibt es unendliche, wirklich unendliche Schlangen vor Tankstellen. Wegen einer Blockade der Inder leidet Nepal unter Benzinknappheit. Der Taxifahrer hatte 29 Stunden Schlange gestanden, um das Maximum von 10 l Benzin zu ergattern.

Ich bin dieses Mal in Begleitung von Rainer Walker, der seinen Schützling Kaushal wiedersehen möchte und Rudi Hammer, der im Verein die Kommunikation übernommen hat und die CMHSS sowie die Kinder kennenlernen möchte.

Der erste Tag, ein schulfreier Samstag, begann gleich mit einem Ausflug in die nähere Umgebung (Benzinknappheit). Das Wiedersehn mit den Kindern war entsprechend locker und lustig. Die College-Besucher waren auch anwesend, z.B. Govinda, der in einem Jahr mit dem Studium zum Bachelor of Hotel Management fertig ist, und Prayag, der noch eine Uni bzw. ein Stipendium sucht. Muna musste eine Arbeit vorbereiten und war leider nicht dabei. Auch Khem Kumari fehlte, weil sie nach dem Erdbeben mit ihrer Mutter in den Süden von Nepal gegangen war und noch nicht weiß, ob sie nach Kathmandu zurückkommt.

Am Ausflugsort angekommen, hatte ein Teil der Gesellschaft damit zu tun, die Affen zu vertreiben, denen der Reis-Topf unwiderstehlich schien. Wir anderen amüsierten uns eher mit diesen lustigen und schlauen Gesellen. Noch während das Essen zubereitet wurde, hatten die Experten schon die Gerätschaften für die Beschallung aufgebaut; Zeit für die Kinder, richtig Spaß zu haben. Sie sangen einzeln und im Duett, führten mit dem dazugehörigen intensiven Hüftschwung Tänze vor, und am Ende machte die ganze Gesellschaft einschließlich der Germanen mit. Was nun wohl die Affen gedacht haben?

Bevor wir uns zum Picknick niederließen, hatten wir den naheliegenden Tempel besucht, der etliche Besucher anzog. Die Frömmigkeit der Menschen hier erstaunt mich immer wieder. Religion wird anders gelebt als bei uns. Meistens ist der Gläubige oder ein Priester damit beschäftigt, gewisse Verrichtungen in der richtigen Reihenfolge vorzunehmen. Es werden Kerzen oder Öllämpchen angezündet, Blüten vor eine Götterstatue geworfen, die Glocke geläutet und vieles mehr. Alles geschieht in völliger Gelassenheit - die Fremden werden wahrgenommen, aber nicht als störend empfunden.

Der Tag war schön. Wir Besucher hatten immer wieder eine Schar von Kindern um uns, die sich unterhalten wollten und endlose Fragen stellten.

Am nächsten Tag gingen wir mit Dev die Agenda durch. In jeder Schulpause beschäftigten wir uns natürlich mit den Kindern, konnten dann auch endlich die Geschenke austeilen und die individuellen Nachrichten weiterleiten. Rudi Hammer hat sich sehr intensiv mit Prayag beschäftigt und mit ihm erarbeitet, welche Voraussetzungen er für ein Studium im Ausland zu erfüllen hat. Die Hürden sind sehr hoch, und Prayag muss gewisse Vorbereitungskurse belegen, zu denen er sich jetzt angemeldet hat. Er möchte unbedingt Aeronautical Engineering studieren, ein Fachbereich, der in Nepal nicht angeboten wird. Er kann in diesem Berufsfeld später in Nepal arbeiten, es gibt hierfür sogar verschiedene Arbeitsbereiche. Zur Zeit sind die meisten dieser Arbeitsplätze von Ausländern besetzt, notgedrungen.

Der nächste Tag war für Bhaktapur reserviert. Hier besuchten wir u. a. junge, sehr engagierte Nepali, die ein Berufseignungskonzept für Schüler entwickeln: das Career Disha Nepal-Programm (www.careerdishanepal.org). Es hat zum Ziel, Schülern einen Einblick in verschiedenen Berufe zu geben, und sie zu beraten, welche Berufe zu ihren Anlagen und Fähigkeiten passen könnten - wohlgemerkt in Nepal, wo so viele Dinge eine Rolle spielen, nicht zuletzt auch, ob man mit seiner Kaste in dem Traumberuf überhaupt eine Chance hat.

Alle waren durchweg angetan von diesem, mit ungeheurem Idealismus vorangetriebenen Projekt. Wir werden das Projekt weiter begleiten und überlegen, ob wir vielleicht ein Pilotprojekt an der CMHSS starten können. Es wäre für die Kinder (und die Eltern) eine wichtige Beratungsleistung. Die Ergebnisse zeigen dann realistische Perspektiven auf und könnten viele davon abhalten, sich wie bisher auf nur etwa 5 vorwiegend prestigeträchtige Berufe zu konzentrieren.

Die Besichtigung des sehr zerstörten Bhaktapur mit den vielen Notunterkünften (Zelte, Blechhütten), die für den kommenden Winter nichts Gutes erwarten lassen, beschäftigte uns noch lange.

Ein besonderer Höhepunkt in der Schule war der Vortrag von Rainer Walker über die Marketing- und Werbemaßnahmen bei der Einführung einer Marke; dargestellt am Beispiel von Mars-Riegeln. Damit die Schüler am erlebten Objekt lernen konnten, hatte Rainer für jedes Kind einen Riegel zum Probieren mitgebracht. Das war natürlich ein super Einstieg in die PowerPoint-Präsentation, die zudem erläuterte, wie viele Berufe es allein innerhalb der Werbung gibt. Kinder und Lehrer waren begeistert.

Das Thema Wiederaufbau von 3 Elternhäusern unserer Kinder war ein wichtiger Punkt in den Besprechungen mit Dev. Hier kamen wir einmal mehr zu der Erkenntnis, wie weit Theorie und Praxis auseinander klaffen. Was haben wir nicht alles gelesen und gegoogelt, waren extra nach Köln zu einem NGO Nepal-Treffen gefahren, um Informationen über erdbebensichere Musterhäuser und ihre Kosten einzuholen!

Dev erklärte uns seinen Vorschlag: Er hat einen Mitarbeiter, Bishals Vater, der fast alle Arbeiten für den Hausbau beherrscht. Es gibt schon genaue Vorstellung, wie die Häuser mit einfachen Mitteln und den bestehenden Werkzeugen vom Schulbau erdbebensicher erbaut werden können. Was er von uns braucht, ist das Geld für die Materialien und den Transport. Beides ist in der derzeitigen Situation viel teurer als zu normalen Zeiten, aber wesentlich preiswerter als bei unseren Recherchen.

Für den Aufbau von Bal Kumaris Mutters Haus wie auch dem von Kanchhas und Preetis Vater lässt Dev beide in die Schule kommen. Sie machten sich sofort auf den Weg nach Kathmandu.

Preetis/Kanchhas Vater wurde von einem Lastwagen mitgenommen und kam direkt in die Schule. Es begannen typisch nepalische Dialoge: Herr Waiba hatte die Vorstellung, ein ebenerdiges Haus zu errichten, in dem die Ziegen, die Küche und Schlafräume für 10 Personen sind (Er hat 7 Kinder, zum Teil schon verheiratet). Nachdem die Konstruktion und alles besprochen war, stellte sich heraus, dass das Grundstück gar nicht dafür geeignet ist, weil dort demnächst eine Straße gebaut wird, die einen Teil des Grundstücks beansprucht.

Macht nichts, er hat ja noch Land auf der anderen Seite des Flusses, wo er auch Reis anbaut. Dev wird sich das anschauen und mit ihm ausrechnen, wieviel Stahl nötig sein wird, um im Fundament einen entsprechenden Rahmen und die Pfeiler nach oben zu verankern. Im Dorf gibt es einen Schweißer, der diese Arbeiten verrichten kann. Die Raumdecke wird so stabil gemacht, dass unter dem Dach Saatgut u.ä. gelagert werden kann. Ich fragte vorsichtig an, ob er auch an eine Toilette gedacht wird und wie das evtl. mit dem Grundwasser vereinbar wäre. „Ach, Toilette, meine Kinder reden auch immer davon, aber es gibt doch so viel freies Feld - wozu eine Toilette?“ Mal sehen, Dev hat Vorschläge. Auf jeden Fall kann er mit Hilfe der Dorfgemeinschaft ein erdbebensicheres Haus bauen, und Dev wird den Materialkauf vornehmen.

Nun zu Bal Kumaris Mutter. Frau Thami machte sich um 10 Uhr per Bus aus Dolakha auf den Weg. Irgendwann nachmittags rief sie an: Der Bus strandete in Dhulikel (etwa 30 km von Kathmandu), das Benzin war ausgegangen.

Erneuter Anruf: Der Fahrer hat auf dem Schwarzmarkt ein paar Liter Treibstoff ergattert. Sie würde so gegen 17.30 Uhr in Kathmandu sein. Irgendwann später ein erneuter Anruf, sie seien bis Bhaktapur gekommen. Jetzt gibt es kein Benzin mehr, sie würde laufen. Dev machte sich mit Rainer Walker und mir auf den Weg und war telefonisch mit der Frau immer wieder in Kontakt, so dass der Fahrer in etwa wusste, wohin wir mussten. Für mich schien es unmöglich, unter den vielen Menschen diese kleine Frau zu finden. Aber wir fanden sie. Sie war schon eine Stunde in unsere Richtung gelaufen.

Wir fuhren gemeinsam in unser Hotel und begannen mit der nächsten Hausplanung.

Frau Thami braucht Platz für 2 Büffel und eine Ziege, für die Küche und den Schlafraum für sich und 3 Kinder. Platz für Büffel im Haus? Ja, nachts kommen die Leoparden und töten die Büffel. Sie können nicht draußen bleiben.

Frau Thami kauft stets 2 kleinere Büffel, zieht sie ca. 6 Monate lang groß und verkauft sie mit insgesamt 150 Euro Gewinn. Somit ist verständlich, dass die Büffel mit im Haus wohnen.

Elektrizität ist ca. 200 m entfernt und ziemlich schwierig heranzuführen. Wir erörtern, wie es doch gehen könnte. Nachdem wir tüchtig geplant haben, stellt sich heraus, dass Frau Thami das Land gar nicht besitzt. Das kaputte Haus gehört dem Landbesitzer, für den sie das Land bearbeitet und wie hier üblich, 50 % des Ertrags behält. Davon kann sie aber nicht leben und arbeitet daher zusätzlich für einen anderen Arbeitgeber. Wir sind erschüttert, zum einen weil wir diese arme kleine Person bedauern, zum andern, weil wir jetzt keine Lösung haben. Ein kleines Grundstück, um darauf ein Haus zu errichten, kostet in Dolakha ca. 20.000 Euro. Was tun? Im Moment "wohnt" Frau Thami in einer Ecke des demolierten Hauses, das notdürftig mit altem Wellblech geflickt wurde.

Wir entscheiden, dass wir für den unangenehmen Grundstücksbesitzer natürlich kein Haus bauen, dass wir davon ausgehen, dass es nicht sofort wieder ein Erdbeben geben wird und dass wir das Haus von Bal Kumaris Mutter winterfest und regendicht machen werden. Dev bespricht im Detail mit ihr, was zu tun ist und wie. Er kennt sich zum Glück gut aus, und ein Verwandter wird helfen. Frau Thami ist hochbeglückt über diese Lösung und Bal Kumari kann demnächst, wenn mal wieder eine Transportmöglichkeit besteht, alles fotografieren. Also ist auch diese Herausforderung einigermaßen gelöst. Frau Thami kann in der Schule übernachten, und am nächsten Tag sucht Sie eine Möglichkeit wieder nach Hause zu kommen.

Inzwischen geht nichts mehr in Nepal: Taxis sind kaum zu kriegen und wenn, dann im Wettbewerb mit vielen anderen und zu horrenden Preisen. In gut einer Woche ist Dashain, das hinduistische Weihnachtsfest. Normalerweise fährt dann jeder in sein Dorf. Aber zur Zeit fällt vieles aus, weil die Inder nur ganz wenige Lastwagen nach Nepal abfertigen, gerade genug, um zu behaupten, sie machten keine Blockade (ist nämlich gemäß UN-Vereinbarungen bei Ländern ohne Seezugang nicht erlaubt)

Ich habe mich daher entschlossen, vorzeitig mit Rainer Walker zurückzufliegen - der kürzeste Besuch, den ich je in Nepal verbracht habe. Am nächsten Tag ist der Abflug nach Deutschland.

 

Reise vom 14. April bis 9.Mai 2014

 

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